Pflegebonus nicht für alle: “Wir Rettungskräfte sind die vergessenen Helden”

Sonntag, 16. Januar 2022


Pflegebonus nicht für alle

“Wir Rettungskräfte sind die vergessenen Helden”

Carsten Krämer arbeitet seit zwei Jahrzehnten im medizinischen Notfalldienst. Den Pflegebonus kriegt er trotzdem nicht. Hier erzählt er, warum er von der Politik enttäuscht ist und sein Soziallleben durch den Beruf leidet. Denn: “Einige halten mich im wahrsten Sinne des Wortes auf Abstand”.

ntv.de: Sie haben sich nach einem Kommentar zum Pflegebonus, den die Ampelkoalition plant, bei ntv.de gemeldet. Warum?

Weil ich enttäuscht bin und meinen Ärger öffentlich machen wollte. Ich arbeite seit 22 Jahren im Rettungsdienst. Meine Kollegen und ich stehen 365 Tage im Jahr rund um die Uhr bereit, auch während der Pandemie. Deshalb frage ich mich: Warum bekommen wir keinen Bonus? Rettungskräfte sind allen Patienten nah, können nicht den Abstand halten. Wir wissen nicht, ob ein Unfallopfer, ein Mensch mit Schlaganfall oder Herzinfarkt zugleich auch Covid-19 hat. Gewissheit haben wir immer erst nach dem Transport. Wir können aber nicht sagen: “Wir warten erst auf das Testergebnis, dann bringen wir Sie ins Krankenhaus.” Es muss oft ganz schnell gehen. Und alles mit Maske.

Erschwert der Mundschutz die Arbeit?

Sagen wir es so: Sie macht sie nicht leichter. Wir tragen immer FFP2-Maske, auch wenn wir schwere Patienten mehrere Stockwerke hinuntertragen oder Notfälle reanimieren. Das entspricht einem Dauerlauf von fünf Kilometern – allerdings eben mit Mundbedeckung. Und nebenbei müssen wir voll konzentriert sein und medizinische Entscheidungen treffen. Auch in den Medien spielt unsere Leistung leider keine Rolle. Ständig wird über Intensivstationen berichtet, wogegen nichts einzuwenden ist. Mich stört aber, dass wir Rettungskräfte nie erwähnt werden, obwohl wir diejenigen sind, die die Intensivstationen sozusagen füllen.

Was werfen Sie der Politik vor?

An uns wird nie gedacht. Wenn Pflegekräfte die viel zitierten Helden sind, dann sind wir Rettungskräfte die vergessenen Helden. Weder die Arbeitgeber noch die Länder und schon gar nicht der Bund denken an uns und unsere Leistungen. Man sieht es jetzt erneut daran, dass Rettungskräfte auch bei dem neuen Bonus leer ausgehen sollen. Bei öffentlichen Danksagungen bleiben wir unberücksichtigt. Immer nur ist von den Pflegekräften die Rede, von uns spricht niemand. Aber wehe, die Rettung ist nicht sofort da oder kommt gar nicht, weil alle krank oder in Quarantäne sind. In meinem Bereich hatten wir deutlich mehr Einsätze als die Jahre davor. Deshalb würde ich mich freuen, wenn wir mehr Beachtung bekämen, auch in den Medien.

Können Sie bitte konkret über die Mehrbelastung berichten? Worin äußert sie sich?

Während eines Covid-Transports müssen wir deutlich mehr Schutzausrüstung über der normalen Dienstkleidung tragen, was im Sommer bei 30 Grad nicht wirklich angenehm ist. Oft müssen wir sie länger anbehalten, als es eigentlich gestattet ist. Auch in der Schutzausrüstung müssen wir Patienten durch Hausflure tragen, reanimieren oder andere schwere körperliche sowie geistige Höchstleistung vollbringen. Es geht ja mitunter um Leben und Tod. Nach jedem einzelnen Einsatz muss der Rettungswagen desinfiziert werden, was bedeutet, dass er der Bevölkerung etwa eine Stunde lang nicht zur Verfügung steht. Der Geduldsfaden bei Pflegekräften reißt schneller als früher; ab und an ist der Ton rauer.

Wie wirkt sich das auf Ihr Privatleben aus?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass mich der eine oder andere aufgrund meiner berufsbedingten, täglichen Nähe zu Menschen mit Covid-19 meidet. Einige halten mich im wahrsten Sinne des Wortes auf Abstand. Dadurch habe ich weniger soziale Kontakte. Meinen Hobbys gehe ich nur eingeschränkt bis gar nicht mehr nach, weil ich nach einer Zwölf-Stunden-Schicht schlicht nicht mehr kann. Ich treibe gerne Sport. Dass ich mich dabei zurücknehmen muss, bringt ebenfalls einen deutlichen Einschnitt in mein Sozialleben mit sich. Denn Mannschaftssport fällt häufig für mich aus, eben auch weil mir misstrauisch begegnet wird. Der Kontakt zu meinen Eltern ist weniger geworden. Ich verzichte auf manchen Besuch, wenn ich kurz zuvor Covid-Patienten betreut habe.

Haben Sie persönlich und Ihre Kollegen bisher keinen Corona-Bonus erhalten?

Leider nicht einen einzigen Cent. Erstaunlich ist, dass Mitarbeiter in Rettungsleitstellen als kommunale Einrichtungen eine Prämie bekommen haben, die keinen persönlichen Kontakt zu Patienten hatten und daher auch keiner erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt waren. Ich weiß, dass die eine oder andere Organisation und manch Arbeitgeber den Bonus aus eigenen Mitteln finanziert haben. Da Rettungsdienste aber nicht im Geld schwimmen, kamen meine Kollegen und ich nicht in den Genuss einer Sonderzahlung.

Was erwarten Sie von der Politik?

Wir möchten einen angemessenen staatlichen Bonus. Wie der finanziert und ausgezahlt wird, ist mir gleich. Das ist Sache der Politik. Aber es muss sich bei unserem Gehalt und den Arbeitsbedingungen auch auf lange Sicht etwas tun. Fachkräftemangel hatten wir schon vor der Pandemie. Das Verhalten der Politik ist keine Werbung für den Rettungsdienst oder andere medizinische Hilfsberufe. Wir sind jedes Jahr voll besetzt mit Nachwuchs und haben eine sehr gute Bestehensquote bei der Ausbildung. Doch die neuen Kollegen verschwinden nach dem Abschluss, da die Arbeitsbedingungen nicht gut sind.

Und was wünschen Sie sich von der Gesellschaft insgesamt?

Respekt von allen Mitmenschen, aber auch, dass sich jeder genau überlegt, ob er wirklich wegen einer Lappalie oder eines sozialen Problems den Rettungsdienst anruft.

Mit Carsten Krämer sprach Thomas Schmoll

Anmerkung der Redaktion: Alter, Wohnort und Arbeitgeber von Carsten Krämer sind ntv.de bekannt. Die Redaktion entspricht der Bitte des Interviewten, dies nicht zu nennen.

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